Neue Netze und Leitungen braucht das Land

Die gesamte Energiewirtschaft ist im Umbruch begriffen. Kohle, Erdgas und Erdl gehen in absehbarer Zeit zu Ende, werden deshalb immer teurer und verursachen den Treibhauseffekt. Jeder wei es und wir machen trotzdem weiter. Das kann nicht mehr lange gut gehen.
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12.01.2008

An  einem  Tag verbrennen wir heute soviele fossile Rohstoffe wie die Natur in 500.000 Tagen angesammelt hat. Auch die Branche der Fernwärmeleitungen wird sich darauf einstellen und entsprechend umstellen müssen. Freilich: Jede Krise hat auch ihre Chance. Aber diese muss rechtzeitig erkannt werden.

Der Ausweg liegt sicherlich nicht in der Atomenergie mit ihren Unfall- und Terrorrisiken. Die Atomenergie hat aus vielerlei Gründen in der Bevölkerung nur eine geringe Akzeptanz. Sowohl beim Weltenergierat in Paris wie auch beim Weltklimarat der UNO herrscht die Meinung vor, dass die Zukunft den Erneuerbaren Energien gehört. Über 80 Prozent der Deutschen stimmen dieser These zu.

Aber auch für die Erneuerbaren Energien sind Leitungs- und Netzstrukturen nötig – freilich andere als heute. Um diese Erkenntnis haben sich bisher auch viele Freunde der Erneuerbaren gedrückt. Doch neue Netz- und Leitungsstrukturen bedeuten viel Arbeit und viele neue Arbeitsplätze für diejenigen, welche die Zeichen der Zeit und die Chance der derzeitigen Energiekrise erkennen und diese auch nutzen wollen.

Die humane Botschaft des 21. Jahrhunderts heißt: Eine 100-prozentige Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien ist nötig, aber auch möglich. Spannende Zeiten also für Leitungs- und Netzbauer.

Diese Energiewende wird viel schneller kommen als viele heute noch vermuten. Zum Glück sind erneuerbare Energie-Technologien aber auch viel schneller zu realisieren als ein Kohle- oder Atomkraftwerk mit bis zu 15 Jahren Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeit. Ein Windrad oder eine Solaranlage ist in Tagen oder Wochen installiert, eine Biogasanlage in wenigen Monaten.

Die konventionellen Energieträger Kohle, Erdgas, Erdöl und Atomstrom haben naturgemäß eine andere Netzstruktur benötigt als die künftige Versorgung mit Erneuerbaren Energien. Denn die alten Energieträger waren nur an wenigen Orten der Welt, also zentralisiert, vorhanden während die neuen Energieträger Sonne, Wind, Bioenergie und Geothermie fast überall auf der Welt, also dezentral, zur Verfügung stehen. Für die Übergangszeit in den nächsten drei oder vier Jahrzehnten werden also große Anforderungen an die Organisation und an den Bau der Leitungen gestellt – Anforderungen in gleicher Weise an Fernwärme- wie an Nahwärmeleitungen. Denn ohne Energie geht gar nichts.

Andere Energieträger brauchen also andere Strukturen. Dezentral vorhandene Energieträger brauchen dezentrale Leitungsstrukturen.

Bei der alten Energienutzung waren die Räume der Lagerung und die Räume der Nutzung weit auseinander – man denke nur an die Nutzung von Erdöl, welches von wenigen Lagerstätten bis in den letzten Winkel und das kleinste Dorf dieses Planeten aufwendig und kostenintensiv  gebracht werden musste. Demgegenüber können aber Sonnenenergie, Windenergie oder auch Wasserkraft und Bioenergie weitgehen dort genutzt werden, wo sie vorhanden sind – fast überall. Die Techno-logik wird also eine andere sein als bisher. Das gilt auch für die nächsten Jahrzehnte des Übergangs von den endlichen zu den nahezu unendlich vorhandenen Energiequellen.

Durch effiziente Wärmedämmung wird der Bedarf an Wärme insgesamt zurückgehen. Aber die über 20 Millionen Gebäude in Deutschland müssen auch in Zukunft mindestens einige Monate im Jahr beheizt werden – freilich anders als bisher, wenn die Bundesregierung ihre selbst gesteckten Klimaschutzziele, bis 2050 etwa 80% weniger CO2-Emissionen als noch 1990, erreichen will.

Allein  2007 ging der Gesamtenergieverbrauch in Deutschland um 5 %, der Verbrauch von Erdöl gar um 10 % zurück. Mit der zunehmend energetischen Sanierung der Gebäude wird der Wärmeabsatz über die noch vorherrschenden großflächigen Fernwärmenetze sinken und die Bedeutung der eher dezentralen Nahwärmenetze und von Blockheizkraftwerken steigen. Eine große Herausforderung, ein Umdenken und erst recht ein Umhandeln der gesamten Fernwärmebranche ist jetzt gefordert. Der Übergang ist sicher fließend, aber unumgänglich. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Abgesehen von wenigen großindustriellen Verbrauchern werden künftig Nahwärmenetze Vorteile gegenüber den heutigen Fernwärmenetzen haben. Deshalb werden auch die Temperaturen in den Netzen geringer gehalten werden können und Wärmeverluste werden sinken. Auch in ländlichen Gebieten, die bislang nie von Fernwärme erreicht wurden, wird künftig ein Netzanschluss möglich sein. Allein der verstärkte Einsatz von Biomasse erfordert mehr Nahwärmenetze im ländlichen Raum. Das ist in Schweden und in Österreich bereits seit einigen Jahren zu beobachten.

Nahwärmenetze sind für die effiziente Erschließung von Erneuerbaren Energien von zentraler Bedeutung: für Biomasse-Heizwerke und für Biomasse-Heizkraftwerke in unterschiedlichen Leistungsbereichen, für die Nutzung von Geothermie in Ballungsräumen bis hin zur Nutzung von solarer Nahwärme mit saisonalen Wärmespeichern.

Die gesamte neue Leitungs- und Netzstruktur für eine sichere zukünftige Energieversorgung erfordert noch viel Forschung und Entwicklung. Aber: Wenn es in Frankreich ab Ende der Sechziger des letzten Jahrhunderts möglich war, in nur eineinhalb Jahrzehnten 70 % der Stromversorgung auf Atomstrom umzustellen, dann ist es auch in Deutschland möglich, spätestens bis zur Mitte dieses Jahrhunderts zu 100% auf Erneuerbare Energien umzusteigen.

Viel Arbeit und Innovationsgeist für die Leitungsbranche, der ich Erfolg und Freude bei den anstehenden Strukturänderungen wünsche. Dazu will dieses Buch eine praktische Hilfestellung sein. Die wichtigste aller erneuerbaren Energiequellen sind innovative und kreative Handwerker, Techniker und Ingenieure, für die dieses Buch geschrieben ist.
Quelle:
Franz Alt 2008




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