Wolfgang Palz: "Unendlich erneuerbare Energien"

Die solare Energiewende ist in den nächsten Jahrzehnten zu 100 Prozent möglich. Das meint der Solarexperte und frühere EU-Solarpolitiker Wolfgang Palz im Gespräch mit der russischen Zeitung "Delevoj" in St. Petersburg.
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15.06.2008

Welche der erneuerbaren Energien hat, Ihrer Meinung nach, im XXI Jahrhundert die besten Perspektiven?
Für die zukünftige globale Energieversorgung, bieten sich die Erneuerbaren Energien (EE) in ihrer ganzen Vielfalt an. Wir glauben, dass angesichts der Erschöpfung der fossilen und nuklearen Energien, die sich u.a. in den unaufhaltsam steigenden Ölpreisen ausdrückt, die EE zur Mitte dieses Jahrhunderts den globalen Energiebedarf insgesamt bis zu 100% werden decken können – heute sind es erst 18%.

Ob es nun die Technologien der Sonnennutzung, die Wind- oder Wasserenergien, die Erdwärme oder die Bioenergien sind, die für den Markt an einem bestimmten Standort besonders attraktiv sind, hängt nicht nur von den klimatischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten vor Ort ab, sondern auch von dem politischen Willen zur gezielten Förderung seitens der zuständigen Regierung bzw. der Volksvertretung. Beispielsweise ist auf Betreiben des Bundestages Deutschland derzeit Weltmarktführer auf dem Gebiet der solaren Photovoltaik, obwohl das Angebot an Solarstrahlung etwa in Spanien fast doppelt so hoch ist wie in Deutschland und der Solarstrom in Spanien entsprechend profitabler; auch sind die USA heute führend bei der Produktion von Biotreibstoff obwohl die klimatischen Gegebenheiten dazu, etwa in Brasilien, viel günstiger sind.

Zur Illustration werfen wir im Folgenden einen Blick auf die heutigen Weltmärkte, wie sie sich tatsächlich für alle EE darstellen. (Zahlen für 2007, in Klammern die Steigerungsraten gegenüber 2006; 1 GW entspricht in etwa der Leistung eines Atomkraftwerks)
Windkraft  
neuinstalliert   20 GW    (+30%)  Umsatz   US$ 35 Milliarden
Solare PV   
neuinstalliert   3.7 GW   (+50%)  Umsatz   US$ 25 Milliarden
Solare Wasser Wärmer
neuinstalliert  30  Mio. m2(+30%)       Umsatz   US$ 10 Milliarden
Wasserkraft   
neuinstalliert   20 GW                        Umsatz   US$ 30 Milliarden
Erdwärme      
neuinstalliert    5 GW      (+20%)        Umsatz   US$  3 Milliarden

Bioenergie   Umsatz   US$ 84 Milliarden
Biostrom  250 TWh aus 50GW     US$ 35 Milliarden
Wärme  (darunter aus 14  Mio. Tonnen Pellets)       US$ 10 Milliarden
Biogas           13  Mio. Tonnen          US$  6 Milliarden
Biotreibstoffe
Ethanol           47  Mio. Tonnen          US$ 27 Milliarden
Pflanzenöle +Diester       9.5  Mio. Tonnen          US$  6 Milliarden

Alle Erneuerbaren Energien in 2007      Umsatz   US$ 183 Milliarden

Dabei  wurden in den letzten 10 Jahren 2 1/2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, die Hälfte im Bereich Bioenergie. Deutschland allein hat 250 000 EE Arbeitsplätze geschaffen.


Wie ist das Optimum das bezüglich des Wirkungsgrads und der Selbstkosten bei diesen Energiearten erreicht wurde?
Die EE Technologien am Markt sind weitgehend technologisch ausgereift. Sie können sich heute schon auf breiter Front gegenüber den konventionellen Energien behaupten: Bioalkohol aus Brasilien, Pflanzenöl aus Malaysia, Solarkollektoren zur Warmwasserbereitung aus China werden nicht subventioniert – im Gegensatz zu Erdöl! Windkraft ist heute schon billiger als Atomkraft. Die Photovoltaik ist heute schon wettbewerbsfähig für die Stromversorgung in abgelegenen Gebieten, besonders in der Dritten Welt.

Aber auch eine Vielzahl neuer Technologien sind weiter in der Entwicklung, wie etwa die ‚Dünnschicht Solarzellen’ oder die Biotreibstoffe der 2. Generation ...


In welche der erneuerbaren Energien wird zurzeit am meisten investiert?
Insgesamt wurden im letzten Jahr 150 Milliarden US$ in saubere Technologien weltweit investiert, davon etwa die Hälfte in die eigentlichen Erneuerbaren Energien. Allgemeine Aufmerksamkeit hat der ‚boom’ der Photovoltaik Aktien ausgelöst: sie dominieren inzwischen den Tec-Dax in Frankfurt und sind auch im Nasdaq stark vertreten. Der 5.-reichste Mann Chinas hat sein ganzes Geld mit Photovoltaik Aktien gemacht.


Wie bewerten Sie die Perspektiven der Biobrennstoffe (Ethanol und Biodiesel) weltweit und in Russland. Mit anderen Worten, was wird sich schneller verteuern -  Essen oder Brennstoff?
Biotreibstoffe haben nichts mit der Nahrungsmittelproduktion zu tun. In einer ‚unheiligen’ Allianz der großen Ölfirmen mit einigen Umweltverbänden wurde diese Polemik in die Welt gesetzt und von vielen Publikationen einfach unkritisch übernommen. Heute machen die Biotreibstoffe etwa 1% der gesamten Agrarproduktion aus – viel zu wenig um damit auf die Nahrungsmittelpreise einen Einfluss zu haben.

Die Wettbewerbsfähigkeit der Biotreibstoffe richtet sich nach dem Ölpreis in Rotterdam. Ethanol aus Brasilien etwa kostet vergleichsweise 40 US$ das barrel in der Herstellung, Bioethanol der 2.Generation dagegen über 100 US$. Sollte der Spot Preis für Rohöl nachhaltig bei und über 120 US$ bleiben, wird das Gros der EE im ‚mainstream’ die Energiemärkte anfangen zu dominieren.


Wie bewerten Sie das Potential von Russland und der GUS im Bereich der erneuerbaren Energien?
Das Potential Russlands ist eines der größten überhaupt! Wohl angesichts des neuen Reichtums durch den Export von Erdgas und Öl, führen die EE Russlands aber heute noch den Dornröschenschlaf. Aber Vorsicht: die Vorräte an fossilen Energien sind nicht unendlich. Die Vorräte des kleinen Qatar an Erdgas z.B. übertreffen die russischen wohl noch. Neuerdings haben Exportländer wie Abu Dhabi oder Malaysia etwa die ‚message’ verstanden; in beiden werden die Ölquellen in etwa 20 Jahren versiegen. Malaysia investiert daher bewusst in Bioöl und Photovoltaik und Abu Dhabi baut eine neue Stadt, die sich 100% von fossilen Energien unabhängig macht.

Wegen seiner geographischen Größe könnte Russland ganz besonders von der Entwicklung der EE profitieren, da sie besonders leicht dezentral einsetzbar sind: einmal zur raschen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des ländlichen Raums und zum anderen zur Schaffung von Arbeitsplätzen.


Vor kurzem haben Sie St. Petersburg besucht und sich mit Ihren Kollegen getroffen. Wie schätzen Sie das Potential der Projekte ein, an denen sie im Moment arbeiten? In concreto geht es um die Herstellung photo-elektrischen Module im Ioffe-Institut für Physik und Technologie?
Das Ioffe Institut hat in der westlichen Welt einen hervorragenden Namen. Es ist eins der führenden Institute bei der Entwicklung der hocheffizienten Solarzellen auf der Basis der sogenannten III-V Verbindungen. Zellen Wirkungsgrade von über 40% wurden damit schon erreicht. Es wäre an der Zeit, dass das Institut mit seinem know-how nunmehr in die Produktion geht; die Märkte warten nur darauf.


Gibt es in dem Weltrat für, Erneuerbare Energien irgendeinen Investitionsfonds, der private Projekte im Bereich der erneuerbaren Energieressourcen finanziert? Wie ist sein Etat? Welche Projekte sind von ihm schon unterstützt worden? Besonders interessant wären die Investitionsprojekte in den Bereichen Wind- und Wasserstoffenergie.
Der Weltrat handelt nicht mit Geld, sondern konzentriert sein Wirken auf globale Information und politische Promotion der EE im Hinblick auf eine bessere Welt für alle. Konkret gesagt, waren seine Vertreter im Deutschen Bundestag (Dr. Hermann Scheer MdB) die treibende Kraft für die Einführung einer breiten Gesetzgebung zu Gunsten der EE. Der Weltrat hat die Organisation von ACORE in den USA initiiert, eines zentralen US Verbandes für die Interessen der EE mit exzellenten Verbindungen zum Weißen Haus und der Regierung. Zurzeit agiert er gemeinsam mit der deutschen Bundesregierung zur Schaffung einer neuen weltweiten Agentur, IRENA, zur weiteren Verbreitung der EE.

Im ‚Westen’ sind für die Finanzierung der EE die Banken zuständig. Wall Street und die amerikanischen Investitionsbanken haben die EE entdeckt; kein Wunder, da oft Renditen in der Höhe von 20% erwirtschaftet werden können.


Was halten Sie von der Entwicklung komplexer Systeme erneuerbarer Energieressourcen, das heißt, solcher Systeme, die mehrere Arten der erneuerbaren Energien vereinigen: Solarfeld(er) + Windkraftanlage(n) + Hydraulische Anlage(n). Wie weit sind solche Systeme in der Welt verbreitet? Könnten Sie ein paar konkrete Beispiele der Funktionsfähigkeit solcher Systeme nennen?
So weit es sich um Stromerzeugung handelt, sind die verschieden Typen von EE durch das Netz miteinander verbunden. Die spannende Frage ist dann, ob ein exklusiver Verbund von nur Wind, Wasser und Solarstrom Anlagen, die Versorgung zu 100% sicherstellen kann. Zum ersten Mal wurde eine solche Untersuchung im letzten Jahr in Deutschland durchgeführt. Das ISET Institut hat für längere Zeit EE Produktionsanlagen von insgesamt 25MW zusammengeschaltet und bewiesen, dass in der Tat eine vollständige Versorgung unter Ausschluss konventioneller Kraftwerke möglich ist.


Was schlägt der Weltrat für Erneuerbare Energien vor, um das Grundproblem der großen Wind-Netzwerke - hohe Abhängigkeit der produzierten Energie von der Windgeschwindigkeit - zu lösen? Wenn moderne  MW-Windanlagen  in das Netz einspeisen, werden hohe Spannungsschwankungen fixiert, die mit den Windgeschwindigkeitschwankungen verbunden sind. Wie plant man dieses Problem technisch zu lösen.
Das Problem der Anbindung großer Windkapazitäten ans Netz ist heute bereits gelöst. Schließlich gibt es in Dänemark oder größeren Gebieten Deutschlands eine durchschnittliche Stromversorgung durch Windkraft von über 40%, die zeitweise 100% erreichen kann. Die Technologie der Firma ENERCON etwa wirkt stabilisierend auf das Netz; im Kleinen kann man dies darstellen bei Inselsystemen in Norddeutschland.


Wie entwickelt sich gegenwärtig das Projekt einer Riesensolaranlage in der Sahara. Wenn wir richtig informiert sind, soll diese Riesensolaranlage europäische Länder mit Elektroenergie versorgen.
Algerien, das ich selbst im letzten Jahr anlässlich einer Regierungskonferenz für EE besucht habe, ist in der Tat dabei, Solarkraftwerke von 30 MW und mehr zu bauen. Die dabei benutzte Technologie ist nicht die der Photovoltaik, sondern es sind große Spiegelrinnen, die eine Flüssigkeit zur thermodynamichen Umwandlung in Strom aufheizen. Die Möglichkeit der Übertragung dieses Stroms ist heute nicht mehr als ein Wunschdenken der Algerier und der interessierten Promotoren. Die Argumente dagegen sind vielfältig und lassen sich leicht so resümieren: wir haben selbst genug Sonne in Europa! In Spanien und Portugal werden heute eine Menge Solarkraftwerke im 100 MW Bereich gebaut, das sollte genügen.


Im Moment wird in St. Petersburg ein Projekt für den Bau einer Windanlage mit 100 MW-Leistung im Finnischen Meerbusen ausgearbeitet. Seine Kosten betragen annähernd 240 Millionen Euro. Potentielle russische Investoren berichten, es sei zu teuer. Zumal 60-70% dieser Kosten für Anlagenteile anfallen, die in Russland nicht produziert werden. Meinen Sie, dass es sinnvoll ist, eine solche Windanlage zu errichten oder ist es besser irgendwelche andere Richtungen zu entwickeln, die günstiger und gewöhnlicher sind?
Dies kann ich im Detail nicht beurteilen. Deutschland und andere westliche Länder sind aber definitiv dabei, solche off-shore Kraftwerke zu errichten. In Deutschland spricht man insgesamt von 5000 MW und mehr.

Ich kann Ihnen auch von solchen Plänen hier in Belgien berichten. Gerade hat der Premier Minister Sockel an der Küste verabschiedet, auf welche die Windturbinen dann im Meer aufgesetzt werden. Jeder Sockel wiegt 3000 Tonnen und wird in 16 Meter Tiefe geflutet. Belgien hat vor seiner Küste 4 Sandbänke identifiziert, auf die es Windparks aufsetzen wird (mit 48000 Schiffen pro Jahr ist dies eine der meist befahrenen Wasserstrassen der Welt). Eins der Projekte, das auf der ‚Thornton Bank’, wird aus 60 Turbinen bestehen, jede à 5 MW. Das Ganze wird zwischen 800  Mio. und 1000  Mio. € kosten. Die Anlage wird in drei Jahren fertig und dann 1% des belgischen Stroms produzieren.


Ist das Windanlagenbusiness heute schon profitabel? Wie viele  Firmen beschäftigen sich mit der Herstellung von Windanlagen?
Es gibt nicht mehr als ein halbes Dutzend große Produzenten, und eine Reihe kleiner. Bei den großen findet man einen Dänen, 2 Deutsche, einen Inder, einen Amerikaner. Die Chinesen sind stark im kommen.

Das business ist sehr rentabel: für die nächsten 2 Jahre sind alle Hersteller ausverkauft.


Windanlagen  sind paradoxerweise bei den Ökologen sehr umstritten. Es wird gesagt, dass sie die Tierwelt schädigen… Was meinen sie dazu?
Es ist vielfach bewiesen, dass dies nicht stimmt. Vögel sind intelligente Wesen, sie fliegen um die  Maschinen herum. 


Welche Maßnahmen der staatlichen Unterstützung müssten Ihrer Meinung nach in Russland eingeführt werden, damit sich das russische Business der Erarbeitung und Herstellung der erneuerbaren Energien anschließt?
Es gibt einen grossen Erfahrungsschatz bezüglich effektiver Förderinstrumente. Grundsätzlich gewinnen alle dabei, da der Staat das, was er bei der Förderung an direkten Einnahmen verliert, um ein Vielfaches in anderer Form wieder einnimmt; das gilt genau so für die Photovoltaik Förderung durch die deutsche Regierung, wie für die ‚tax breaks’ des Biosprit durch die amerikanische. Das bzgl. Marktförderung effektivste Gesetz ist zweifellos das deutsche Einspeisegesetz, das inzwischen von 46 Ländern übernommen wurde. Es verpflichtet die Stromanbieter, verfügbare EE mit Priorität anzubieten; der Preis wird dann so festgelegt, dass der Käufer, also der Investor, einen Gewinn macht.


Ihr Motto im Leben und in der Arbeit?
Genieße die Reichtümer des Lebens soweit als möglich. Ich bin dabei vom Leben reich beschenkt worden, da es eine Freude ist, für die EE zu arbeiten. Es ist ja nicht irgendeine Technologie wie Autos oder Atombomben, sondern hier ist ein starker ethischer Hintergrund. Ich habe Schlagworte geprägt wie ‚Power for the World’ oder ‚Power for the People’ oder ‚Power for Peace’. Mit den Erneuerbaren Energien kann man nicht verlieren: da stimmt einfach alles.
Quelle:
Wolfgang Palz 2008
erschienen in:
Zeitung Delevoj 2008




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