"Der Kurs wird sich ändern"

Robert Corell, einer der wichtigsten US-Klimaexperten, über eine neue US-Klimapolitik nach der Regierung George W. Bush. Interview: Toralf Staud
Kategorie:
14.09.2008

Robert Corell, 73, lehrte in Harvard, war lange Jahre Regierungsberater und ist heute Vizepräsident des Heinz Center, eines unabhängigen Thinktanks in Washington D.C. Sein jüngster Besuch in der Arktis hat ihm abermals vor Augen geführt, wie wichtig eine neue US-Klimapolitik nach der Regierung George W. Bush wäre. Auszüge aus dem Interview - das komplette Interview finden Sie hier


SZ: Fast wöchentlich kommen aus der Arktis Rekordmeldungen über den Rückgang des Eises. Sie waren gerade in Grönland, wie dramatisch ist die Situation?
Corell: Es ist atemberaubend: Wenn Sie etwa im Ilulissat-Eisfjord an der grönländischen Westküste stehen, können Sie zuschauen, wie ein riesiger Gletscher von einem Kilometer Höhe ins Meer rutscht - wie Zahnpasta, die aus der Tube quillt. Er bewegt sich jeden Tag um 40 Meter, also fast zwei Meter pro Stunde. Jeden Tag schmilzt eine Wassermenge ab, mit der man eine Stadt wie New York ein Jahr lang versorgen könnte.

SZ: Vor Jahren waren Sie einer der Hauptautoren des Arctic Climate Impact Assessment (ACIA) und wurden als Alarmist gescholten.
Corell: Im Jahr 2005 kamen wir aufgrund mehrerer Modelle zu dem Ergebnis, dass der Nordpol bis Ende dieses Jahrhunderts eisfrei sein könnte. Im Jahr darauf sahen wir, dass das Eis etwa doppelt so schnell verschwand. Die Realität ist schneller, als wir mit unseren Modellen hinterherkommen.

Ein Kollege von der Nasa sagte kürzlich: "Hey, Leute, wahrscheinlich ist der Ozean in der Arktis im Jahr 2013 oder 2015 komplett eisfrei." Ich glaube auch, dass wir beim Abschmelzen des Grönlandeises den point of no return, den Punkt ohne Rückkehr überschritten haben.

SZ: Warum bezifferte dann der IPCC-Bericht den drohenden Anstieg im vergangenen Jahr auf 20 bis 60 Zentimeter?
Corell: Da war nur die wärmebedingte Ausdehnung des Ozeanwassers berücksichtigt, nicht aber das Abtauen des Festlandeises. Das stand auch im Text zur Graphik, aber wer liest den schon? Seit dem IPCC-Bericht gibt es einen zunehmenden Konsens, dass bis Ende des Jahrhunderts ein Anstieg um mindestens einen Meter zu erwarten ist.

Wir werden einen Großteil Floridas verlieren. Für Deutschland bedeutet das starke Überflutungen auf Sylt und an der Küste. Von Bangladesch sind 40Prozent verloren. Selbst der IPCC mit seiner niedrigen Schätzung sprach von weltweit 165 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2100, die uns erwarten.

SZ: Wieso reagieren Politik und Öffentlichkeit wenig auf diese Warnungen?
Corell: Jeder glaubt, das sei alles weit weg - räumlich, aber auch zeitlich. Ein Problem von uns Wissenschaftlern ist, dass wir immer vom ,,Ende des Jahrhunderts‘‘ reden. Wir sollten mehr darüber sprechen, was uns im Jahr 2015 erwartet.

Das komplette Interview finden Sie in der Süddeutschen Zeitung
Quelle:
Süddeutsche Zeitung 12.09.08 | Toralf Staud 2008




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