Achim Steiner: Finanzkrise mit "Grüner Ökonomie" bewältigen

UNEP-Chef plädiert für ökologische Industrie- und Entwicklungspolitik. Achim Steiner im Gespräch mit Christopher Ricke | Deutschlandradio Kultur.
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07.11.2008

Nach Ansicht des Chefs des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), Achim Steiner, sollten Ansätze zu einer ökologischen Industriepolitik genutzt werden, um die Weltwirtschaft wieder anzukurbeln. Er verwies auf das "enorme Potenzial" von Umwelttechnik, Arbeitsplätze zu schaffen und einen wirtschaftlichen Stimulus zu erbringen.

 

Christopher Ricke: Zwei Wochen noch, dann tagt der Weltfinanzgipfel und der UN-Generalsekretär hat den Europäern ein paar mahnende Worte mit auf den Weg gegeben. Ban Ki-Moon sagte, die Europäische Union möge sich doch um Fortschritte im Klimaschutz bemühen. Man könne sich nicht auf ein Wirtschaftswachstum zurückziehen, das vom rücksichtslosen Gebrauch kohlenstoffbasierter Energie getrieben werde. Das sagte der UN-Generalsekretär und ich spreche jetzt mit Achim Steiner. Das ist der Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Guten Morgen, Herr Steiner!

Achim Steiner: Guten Morgen, Herr Ricke!

 

Christopher Ricke: Was brauchen wir denn dann? Brauchen wir eine Art "grüne Ökonomie", wenn wir uns nicht mehr auf die kohlenstoffbasierte Energie, also auf Öl und Gas konzentrieren?

Achim Steiner: In der Tat und ich glaube, hier können wir aufbauen auf Erfahrungen, die wir ja bereits in den letzten Jahrzehnten gesammelt haben. In vielen Ländern und in unseren Wirtschaftssystemen haben wir ja bereits Ansätze hin zu einer ökologischeren nachhaltigeren kohlenstoffarmen Industrie- und Energiepolitik. Die Frage ist, ob wir in der gegenwärtigen Finanzkrise diese Ansätze nun wieder in die Schublade stecken, oder ob wir sie in der Tat dazu nutzen, auch unsere Weltwirtschaft wieder anzukurbeln. Das ist auch der Ansatz, mit dem wir gerade die Diskussion dieser "grünen Ökonomie" oder einer ökologischen Industrie- und Entwicklungspolitik vorantreiben wollen.

 

Christopher Ricke: Es gibt den Aspekt, was man gerne möchte, was sinnvoll wäre, aber es gibt natürlich auch die Probleme, die ganz akut gelöst werden müssen. Da muss ein Feuer gelöscht werden. Und es gibt auch ein wirtschaftspolitisches Feuer: die Auto- und Stahlindustrie in Europa ist durch die Weltfinanzkrise erheblich in die Klemme gekommen. Da wird möglicherweise viel Geld fließen. Hätte man das Geld eher in grüne Technologie stecken müssen?

Achim Steiner: Ich meine, man kann sich natürlich im Nachhinein immer fragen, was hätte man anders machen sollen, und ich glaube, da gibt es ja bereits sehr viele Erfahrungen, die wir gesammelt haben. Nur in der Tat, wie Sie sagen: Wir haben eine akute Finanzkrise. Das ist ja auch der Fokus aller internationalen Initiativen, nicht zuletzt mit Weltwährungsfonds und Weltbank im Augenblick und dem ganzen Bankenprogramm. Nur was eben sehr wichtig ist: Werden wir 1.000, 2.000 Milliarden Euro nur dafür nutzen, Löcher zu stopfen, oder können wir dieses Geld gleichzeitig auch dafür nutzen, Innovation, neue Technologien, ein Umstellen unserer Energiepolitik voranzutreiben? Ich glaube, wir können es uns gar nicht leisten, dass wir das Geld sozusagen nur nutzen, um eine Finanzkrise zu lösen. Wir müssen auch schauen, wie wir eine Wirtschaftspolitik damit wieder ankurbeln können. Auch gerade da ist ja die Frage nicht nur, wie können wir eine Bankenpleite vermeiden, sondern wie können wir eine ökonomische Krise vermeiden, in der Arbeitsplätze verloren gehen, Industriezweige zusammenbrechen. Hier glauben wir eben, dass sehr wohl im Bereich Energiepolitik, Energieeffizienz, Abfallwirtschaft und auch im ökologischen Bereich - das heißt bei Wäldern, der Renaturierung von Forsten weltweit - ein enormes Potenzial besteht, Arbeitsplätze zu schaffen und auch einen wirtschaftlichen Stimulus in die Wirtschaftspolitik einzubringen.

 

Christopher Ricke: Sie brauchen Unterstützer für diese Idee. Mit dem Weltfinanzgipfel wird ja ausdrücklich gewartet, bis in den USA der neue Präsident gewählt ist. Nur: Al Gore stand ja nicht zur Wahl, der große Umweltpolitiker. Sehen Sie denn unter den beiden Kandidaten, die zur Wahl stehen, einen, der Ihrer Meinung nach der rechte Erneuerer ist für Ihre Pläne?

Achim Steiner: In den letzten Wochen ist sicherlich deutlich geworden, dass die Kandidatur von Barack Obama dieses Thema offensiver angeht, wobei man bei beiden - Obama und McCain - erkennen muss, dass sie die Klimapolitik, die Klimaherausforderungen sehr wohl auch in das Zentrum ihrer Politik gestellt haben. Beide Kandidaten haben bereits Konzepte, wie sie diese Art von grüner Politik, Arbeitsplatzbeschaffung und auch neuer Technologie und vor allem die Energiewirtschaft als Lokomotive für Veränderungen nutzen wollen. Obama zum Beispiel hat ja ein Programm von 150 Milliarden Dollar allein für erneuerbare Energien in den nächsten zehn Jahren in Aussicht gestellt. Ich glaube, gerade in den Vereinigten Staaten sehen wir eben Konzepte, die in der Größenordnung in die Richtung gehen, die wir brauchen, denn wir müssen gerade in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise mit Ansätzen kommen, die einer Größenordnung entsprechen, nicht nur in den Nischen und in den Margen zu arbeiten, sondern ins Zentrum unserer wirtschaftlichen Aktivität zu gehen.

 

Christopher Ricke: Wenn es gelingt, von dieser "grünen Ökonomie" die Europäer und die US-Amerikaner zu überzeugen, dann fehlen noch die Chinesen, die Russen, die Inder, die Afrikaner. Muss man alle mit denselben Argumenten überzeugen, oder reicht es, wenn sie eine Lokomotive haben, die voranfährt?

Achim Steiner: Ganz im Gegenteil. Ich glaube, wir müssen eine in der Tat internationale Politik hier fördern. Deswegen ist ja auch gerade das Treffen in Washington am 15. November, aber auch ein Treffen "Financing for Development" in Doha im Dezember im Rahmen der Vereinten Nationen, der ganzen Frage internationaler Finanzierung von Entwicklung, sehr wichtig. Nur wir müssen uns nicht der Illusion hingeben, dass dies nur eine Frage für Europa oder Nordamerika ist. Ich bin heute Morgen aus Korea zurückgekommen. Dort hat der Präsident grünes Wachstum jetzt als eine zentrale Säule seiner Wirtschaftspolitik deklariert. Auch in China sehen wir inzwischen Hunderttausende, sogar Millionen von Arbeitsplätzen, die im Bereich erneuerbarer Energien, Energieeffizienz geschaffen worden sind. Das ist vielen von uns noch nicht bekannt, aber gerade in diesen Ländern ist natürlich nicht zuletzt durch den Ölpreis und die Energiepreise ein enormer Impuls auch in die Wirtschaft gekommen, hier zu erneuern. Und wir müssen aufpassen, dass gerade in den neuen Technologiesektoren Photovoltaik, Windenergie wir nicht überholt werden. Die zwei, drei größten Firmen heute weltweit im Bereich Windenergie und Photovoltaik sind in Indien und China, nicht mehr in Europa oder Amerika.

 

Christopher Ricke: Ist die Krise dann vielleicht sogar eine Chance?

Achim Steiner:Ich bin fest davon überzeugt. Deswegen haben wir ja auch einen "global green new deal" gefordert. Wir müssen mit mehr Fantasie und vor allem auch mit einer Fähigkeit, mehrere Herausforderungen gleichzeitig zu lösen, an diese Thematik herangehen. Ansonsten werden wir für unsere Generation und für die nächste in der Tat 3.000, 4.000 Milliarden Euro nur für eine Krise benutzen. Gerade die Idee des "new deal" kommt ja auch aus dieser Phase, die damals Präsident Roosevelt genutzt hat, um die amerikanische Wirtschaft zu erneuern und neue Schienen zu legen, auf denen Entwicklung sich fortbewegen kann. Ich glaube, gerade diese Krise heute in einem Weltwirtschaftssystem, das ja so abhängig geworden ist voneinander, erfordert von uns eben wirklich eine globale und nicht zuletzt auch eine nachhaltigere Wirtschaftspolitik. Das ist die Chance!

Christopher Ricke: Vielen Dank, Herr Steiner!

Achim Steiner:Vielen Dank!





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