Hermann Scheer im Film "Let’s Make Money"

Dieser Film stellt die krassen Gegensätze zwischen Ausbeutung in Armutsländern und Finanzparadiesen in Steueroasen dar.
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15.11.2008

Er macht Hintergründe der gegenwärtigen Weltfinanzkrise deutlich und legt offen, was hinter den Werbeversprechungen der Banken steckt, sie würden unser „Geld arbeiten lassen“.

 

In „Let’s Make Money“ kommen Banker, Industrielle, Fondsmanager, Immobilienhändler, Wirtschaftsprofessoren, Journalisten und Politiker zu Wort, aber auch Obdachlose, Baumwollpflückerinnen und Slumbewohner. Einer der Zeugen, die zu den Fehlentwicklungen der Weltwirtschaft befragt wurden und in dem Film auftreten, ist Hermann Scheer, Bundestagsabgeordneter, Präsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien EUROSOLAR e.V. und Träger des Alternativen Nobelpreises. Die Aufnahmen wurden im Deutschen Bundestag in Berlin gemacht.

 

Wir dokumentieren den Wortlaut seiner Aussagen in „Let’s Make Money“:Der Staat ist die Gemeinschaft aller Menschen, die in diesem Staat leben. Der Staat sind wir. Das gilt zumindest für eine Demokratie. Und dieser Staat braucht, damit die Gesellschaft existieren kann, Gemeinschaftsgüter – von Schulen bis Universitäten bis zu Verkehrseinrichtungen und vieles andere mehr. Vor diesem Hintergrund ist interessant, was mit der Privatisierung passiert und was dahinter steckt.

 

Privatisierung kommt von „privare“ – privare ist ein lateinisches Wort, es heißt: berauben. Wenn nun eine Privatisierung stattfindet, dann werden Gemeinschaftsgüter von privaten Interessen aufgekauft oder sogar verschenkt, was ja auch oft genug der Fall ist. Und das ist nichts anderes als eine Beraubung der Gemeinschaft. Man kann es noch zuspitzen: Hier wird die Gesellschaft enteignet von einem Privaten für eine Sache, die für einen Privaten interessant ist, das heißt, die für ihn profitträchtig ist.

 

Dass Politiker so etwas wie Cross-Border absegnen, hängt zum einen mit Unwissenheit der meisten Beteiligten zusammen. Und diejenigen, die es wissen, haben nur noch einen kurzen Karrierezeitraum im Blick: Nach mir die Sintflut. Dieses radikale Kurzzeitdenken, das heißt: nicht mehr das Denken in längerfristigen Verantwortungskategorien. Weil dann von anderen abgearbeitet werden muss, was sie selbst hinterlassen. Dies ist typisch für das gesamte neoliberale Zeitalter. Im neoliberalen Zeitalter ist alles verkürzt, alles. Das gesamte Denken und Handeln verkürzt auf die aktuelle Erzielung einer höchst möglichen Rendite. Koste es, was es wolle.

 

Die Medien wählen heute das Spitzenpersonal aus. Sie zeigen den Daumen nach oben oder nach unten. Es geht nach Mediengefälligkeit und nach Rampenlichtsuche und Ehrgeiz und nicht mehr, jedenfalls immer weniger nach seriösen Politikentwürfen. In dieser Mediengefälligkeit steckt dann eine Anforderung, um ein Spitzenamt zu erreichen, die im diametralen Gegensatz steht zu den Anforderungen, die notwendig wären, ein politisches Spitzenamt auszuüben. Das heißt: wir haben es immer mehr mit Attrappen zu tun. Die an der Spitze der politischen Entscheidungsträgerschaft stehen und die dann sehr schnell zu Strohhalmen der Entwicklung werden, die von Anderen bestimmt wird.

 

Der Satz der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte „Der Mensch ist gleich an Rechten und Würde geboren“ – wenn dieses Prinzip aufrechterhalten werden will, dann muss es eine andere Umverteilung geben, dann muss es Umverteilungen zugunsten der Gesellschaft geben und nicht zugunsten einiger weniger. Nur dann kann das humanitäre Prinzip aufrechterhalten werden.

 

Wenn wir so weiter machen, dann kommen neue Selektionsmechanismen –  Selektionsmechanismen zwischen Saaten, zwischen Rassen, zwischen Religionen, zwischen berechtigten Menschen, zwischen unberechtigten, zwischen wertvollen und nicht wertvollen Menschen. Dann wird der monetäre Wert des Menschen irgendwann in den Vordergrund geschoben. Und dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei. Das ist unausweichlich.

 

Letztlich zahlen es immer die ganz durchschnittlichen, normalen Bürger, der so genannte kleine Mann oder die kleine Frau. Die für sich als Einzelne auf diesen Prozess keinerlei Einfluss haben, es sei denn, sie organisieren sich und finden eine organisierte Vertretung ihrer Interessen, die mächtig genug ist, diesem Prozess entgegenzutreten.

 

Wir sehen unten im Reichstag, im Sitz des Deutschen Bundestages,  das Ende des Zweiten Weltkrieges, der hier praktisch beendet worden ist mit der Übernahme des Reichtagsgebäudes durch russische Soldaten, die dann ihren Gruß an die Heimat an die Wand gemalt haben. Und das ist hier erhalten geblieben als Mahnmal dafür, dass wir ohne völlig neue Lösung der Verteilungsfrage und ohne völlig neue Lösung der Umweltfrage, hin zu erneuerbaren Ressourcen, weg von den erschöpflichen Ressourcen, die nicht für alles reichen. Wenn wir das nicht machen, dann kommen Dinge, wie sie hier ihr Ende gefunden haben im Zweiten Weltkrieg, in irgendwelchen Formen immer wieder.





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